Was Kinder im ersten Jahrsiebt brauchen

– so selbstverständlich von mir formuliert kamen bald die ersten Kundenfragen. Was ist denn ein Jahrsiebt? Wieso denn diese Formulierung?

Zellbiologie

Jahrsiebte sind alte Zählweisen aus Zeiten, in denen Menschen mit den kosmischen
Rhythmen enger vertraut waren. Heute weiß die Zellbiologie, dass der Mensch spätestens
alle sieben Jahre seine Zellen erneuert, früher wussten die Menschen, dass alle sieben
Jahre entscheidende Entwicklungsschritte gegangen werden.
Ursprünglich hieß der Vortrag „Hüllenpflege“, doch auch das stieß auf viel
Unverständnis. Was bedeutet denn das Wort Hüllenpflege?, kam die Frage. Ich möchte
von Ihnen wissen: Was sind denn die Hüllen des Menschen?
(Flipchartanschrieb)
Wir haben folgende Hüllen erkannt:
– Haut als äußere Hülle des menschlichen Leibs
– Bekleidung als wärmende und schützende Hülle
– die Wohnung eines Menschen als seine Raumeshülle
– das Haus, in dem der Mensch lebt
– das Dorf, die Stadt, in der er lebt
– das Bundesland, das Land, der Kontinent, die Erde und ganz am Ende: Das
Sonnensystem als die äußerste von uns vorstellbare Hülle

Hüllenpflege

Hüllenpflege meint also: Wie sorgen wir dafür, dass wir uns in unserem Körper, in der
Kleidung, Wohnung, im Haus, im Dorf, im Land wohlfühlen? Wie gestalten wir unsere
sozialen Netze, die unsichtbare Hüllen sind, aber ebenfalls so wesentlich wie ein warmer
Pullover? Wie sind unsre Beziehungen zu Verwandten und Freunden, wie gehen wir mit
den Dingen des Alltags um, wie feiern wir Feste, welche Rituale machen uns, unsere
Familie aus, welcher Religion gehören wir an, welche Traditionen sind uns wichtig,
welche Welt wollen wir wie gestalten?
Das alles ist Hüllenpflege und kein einziger Mensch kann sich diesen Fragen entziehen,
auch wenn viele das regelmäßig versuchen. Wer sich den Fragen der Lebensschule
entzieht, muss meistens mit Krankheiten quasi eine Klasse wiederholen. So einfach regelt
das Leben diese Fragen.
Beginnen wir beim Säugling.
Seine Haut ist zart, er kann das Wärmegleichgewicht nicht halten, weil er über seinen
vergleichsweise großen Kopf viel Wärme verliert. Hüllenpflege beim Säugling ist vor
allem eines: ein kennen lernen des Kindes. Ein Neugeborenes ist eine individuelle
Persönlichkeit. Das Kind kommt mit vielen Merkmalen auf die Welt, die seine
Persönlichkeit ausmachen.

Schreikind

Ob wir ein Schreikind bekommen oder ein Baby, das schon mit zwei Monaten
durchschläft, wissen wir nicht. Wir erleben es dann und das kann die letzten Nerven
kosten. Die berühmten Blähungen sind nicht immer der Grund für das Schreien. Oft
genug ist es die fehlende Hülle, die mangelnde Begrenzung, die im Baby Angst auslöst,
Verlassenheitsgefühle. Pucken Sie das Kind und schauen Sie, wie es darauf reagiert.
Tragen Sie es, damit es Vertrauen gewinnt. Halten Sie flackernde Bildschirme, Fernseher,
Radiogedudel von ihm fern und überprüfen Sie, ob es vielleicht durch Lichtreklame oder
ähnliches irritiert wird. Haben Sie alles ausgeschlossen, dürfen Sie eine schwere Lektion
lernen, die in der Erziehung aber wesentlich ist: Lernen Sie, eine Situation auszuhalten.
Die wenigsten Kinder schreien länger als ein halbes Jahr. Das kann lang sein, aber wenn
organisch alles in Ordnung ist, Sie nicht in Trennung leben, umziehen, horrormäßig Stress
haben, den Ihr Kind für Sie abreagiert, dann ist es ein Kleines, das gern singt.
Ernährung ist wesentlich im Säuglingsalter. Im Grunde muss man darüber nicht im
Mindesten nachdenken, doch kann und will nicht jede Mutter stillen. Bedenken Sie bei
aller Art von Ernährung nur: Der Mensch entwickelt sich aus dem, was er an Nahrung zur
Verfügung hat. Isst ein Mensch relativ natürlich, verzichtet auf Geschmacksverstärker,
Farbstoffe und Chemiecocktails in der Nahrung, muss sein Körper das alles nicht
einlagern und verwerten. Nahrungsmittel sollten auch solche sein.
Bekleidung ist eine wichtige Frage. Seidenhäubchen schützen Säuglingsköpfe gut und
helfen bei der Temperaturregulierung. Ein Kind braucht weder Jeans im Miniformat noch
grellbunt eingefärbte Stoffe, die mit Zusätzen getränkt sind und das unfertige
Immunsystem enorm belasten. Naturfarbene Baumwolle, Wollgemische, Seide sind gut
für die Haut und es sind in aller Regel Stücke, die innerhalb der Familie gut
weitergegeben werden können, weil sie zeitlos schön sind.
Baden oder nicht baden scheint inzwischen zur Generationenstreitfrage geworden zu sein.
Dabei ist die Sache ganz einfach: Schauen Sie doch hin! Sie werden sehen, ob Sie einen
begeisterten Bader haben oder ein Kind, das im Bad vor Angst Schreiattacken bekommt.
Schreit Ihr Kind beim Hineinlegen in die Wanne, ist aber nach ein paar Minuten höchst
vergnügt, kann es sein, dass die Einstiegstemperatur zu heiß ist.

Neurodermitiskinder

vertragen Wasser oft nur maximal handwarm, für unsere Vorstellungen also nahezu kalt.
Dann baden sie gern. Probieren Sie es aus.
Beachten Sie: Die Haut des Säuglings ist hauchzart. Das Kind braucht nur ganz wenig an
Pflege. Badezusätze dosieren Sie bitte sparsam, im ersten Lebensjahr ist Shampoo
vollkommen überflüssig. Die meisten Kinder lieben das Einölen nach dem Baden. Das
kann ein zauberhaftes Ritual sein.
Wir werden oft nach Spielzeug im ersten Lebensjahr gefragt. Das Kind bringt seine
wichtigsten Spielsachen mit: Hände und Füße. Ein Wiegenschleier, eine Wiegenfee sind
für die ersten Monate ausreichend, später sind Seidentücher hilfreich, die einen Knoten
bekommen, fertig ist die erste Puppe. Greiflinge aus Holz, zarte Bälle reichen aus.
Was ist in den ersten Monaten das Wichtigste? Etwas, was das Kind für sein ganzes Leben
entscheidend prägt: Rhythmus. Rhythmus ist in der Erziehung die einzige Wunderwaffe.
Was das Kind jeden Tag gleich erlebt, schafft Struktur, ermöglicht Orientierung und gibt
Halt.
Unsere heutige Zeit ist geprägt von der so genannten Flexibilität. Das bedeutet: Wir sind
jederzeit verfügbar. Durch unsere elektronische Fußfessel, das Handy, kann man uns Tag
und Nacht erreichen. Das verschafft uns einen gewissen Wichtigkeitsstatus, der allerdings
in der Regel eher eine Farce ist. Wochenenden bedeuten für viele Menschen wahren
Vergnügungsstress, unter der Woche ist am Abend ein Riesenberg an Terminen angesagt
– Sport, Treffen, Chor, Yoga, Vorträge, Fernsehen bis zum Abwinken. Wir sind permanent
beschäftigt, weil das chic ist. Beschäftigt sein ist etwas anderes als „etwas Sinnvolles tun“.
Ich möchte Ihnen als zentralen Gedanken der Kindererziehung einen einzigen Satz sagen,
den Sie bitte niemals vergessen: Wenn Sie in der Umgebung eines Kindes sind, ist nicht
nur massiv entscheidend, wie SIE sich verhalten, was Sie wie tun, sondern bereits das, was
Sie denken, hat Auswirkungen auf das Kind.
Kleine Kinder lernen durch Nachahmung. Sie können nur das lernen, was in ihrer
Umgebung auch angeboten wird. Achten Sie darauf, was das Kind in Ihrer Umgebung
nachahmt. Ist das, was Sie tun, dazu geeignet, von Ihrem Kind nachgeahmt zu werden?
Kindererziehung ist in allererster Linie eines: Selbsterziehung. Schlecht erzogene Eltern
sind der Untergang eines jeden guten Keims im Kind, das muss ich einfach so hart sagen.
Eltern, die essend vor der Glotze sitzen, sind keinem Kind ein Vorbild. Achten Sie auf Ihre
Gedanken in der Umgebung eines Kindes.

Bewusstsein

Bedenken Sie die Weisheit: Was Sie denken, bestimmt Ihr Bewusstsein. Was Sie denken, bestimmt Ihre Sprache. Letztlich werden Sie
das, was Sie denken. In der Umgebung eines Kindes sollten die Gedanken absolut wahr
und gut sein. Es geht nicht um eine heile Welt, sondern darum, einem Kind die berühmten
Wurzeln zu geben. Unsere Welt ist ein Schauplatz der Eitelkeiten. Wenn ein Kind dort
später seinen Mann, seine Frau stehen soll, braucht es ein Urvertrauen und die Fähigkeit,
in dieser Welt auch gut klarzukommen.
Beobachten Sie sich selbst ganz genau. Kinder spiegeln ihre Umgebung exakt. Bedenken
Sie das bei Symptomen wie Hyperaktivität und aggressivem Verhalten. Lernen Sie,
rechtzeitig genau und gründlich hinzuschauen. Überlegen Sie regelmäßig: Welche
Ohrform hat mein Kind? Sind seine Nägel lang oder kurz? Sie werden überrascht sein, wie
viele Eltern nicht einmal wissen, welche Augenfarbe ihr Kind hat.
Wenn die Säuglingszeit überstanden ist, geht es ans Entdeckeralter. Je kleiner das Kind,
desto stärker ist es auf einen Erwachsenen angewiesen.
Schließen Sie die Augen und nehmen Sie einen Legostein in die Hand. Spüren Sie die
Form? Die Erhebungen des Stecksystems? Die glatten Kanten? Stellen Sie sich ein Stück
Rinde vor. Fühlen Sie in Gedanken die Rauheit, die unebenen Stellen. Was erlebt ein Kind,
wenn es Legosteine aufeinandersteckt und was, wenn es versucht, aus Rindenstücken
einen Turm zu bauen? Welche Lernfelder ermöglichen wir dem Kind allein bei diesen
beiden Materialien? Dass die Dinge feststehen und in bestimmter exakter Weise gesteckt
werden müssen? Glückwunsch, das Kind wird Banker, Architekt oder leidet an
Beziehungsarmut. Es hat niemals erfahren, dass in der Realität nichts gleich, glatt und
immer exakt ist. Die wirkliche Welt ist uneben, überraschend und kann jederzeit
einstürzen. Bedenken Sie allein diese Lernerfahrung, denken Sie ganz genau darüber
nach!

Spielsachen

Schauen Sie bei allen Spielsachen darauf, was Sie Ihrem Kind an die Hand geben. Wollen
Sie ein fantasievolles Kind oder einen Schokonikolaus, der in vorgefertigten Schablonen
denkt, sich leicht führen lässt und nicht nachdenkt? Gehen Sie 50 Jahre in der Geschichte
zurück und betrachten Sie, was Schokonikoläuse anrichten können, wenn sie als Heer
losgeschickt werden. Unkreative, dumme Menschen sind eine Schafherde, die ein einziger
Hund in Schach halten kann. Wir wollen keine Terroristen erziehen, die das Recht auf
Selbstverwirklichung mit Sprengstoffgürteln erzwingen wollen, aber allein die Frage,
welches Spielzeug ein Kind bekommt, bereitet bestimmte Bahnen, in denen das Kind sich
entwickelt.

Kinderkleidung

Gleiches gilt für die Kleidung des heranwachsenden Kindes. Wir haben heute
Waschmaschinen und Wäschetrockner zur Verfügung. Es ist also kein Problem, Kleidung
sauber zu bekommen. Nur – sie wird ja gar nicht mehr dreckig. Kinder lernen Dreck heute
nur in der Werbung auf T-Shirts als Fleck kennen. Wer nicht im Dreck matscht, gerät
niemals in Kontakt mit den Elementen. Wasser, Erde, Feuer und Luft gehören in die
Kindererziehung. Das Feuer verliert seinen Reiz, wenn Kinder den Umgang damit lernen,
indem sie am Johannitag bei den Feuern mitmachen und Mutproben bestehen dürfen,
indem sie mit den Eltern Stockbrot grillen. Dann hat das Feuer auch nicht mehr den Ruch
des Verbotenen. Wasser gehört zum Kind wie Schnaken in den Sommer. Ein Kind, das
nicht mit Wasser spielen, Sand damit festmachen, Erde damit anmatschen kann, ist ein
armer Tropf, das förmlich auf dem Trockenen sitzt, sprich: unkreativ wird. Zur Luft
gehört das Drachensteigen ebenso wie der Papierflieger und hier sind wir als Eltern sehr
gefragt. Können Sie alle einen Flieger basteln? Wissen Sie, wie man einen Drachen
raufbringt? Und kennen Sie die uralten Fingerspiele noch, die bei Ihren Kleinen so
wesentlich sind? Spiele wie „Da ist der Daumen“, die Spiele, die den Gleichgewichtssinn
anregen wie „Hoppe, hoppe Reiter“ und „Engele flieg“?
Im ersten Jahrsiebt erleben wir Wesen, die alles in den Mund stecken. Der erste Sinn, der
Tastsinn, ist bereits dem Neugeborenen bewusst, deshalb schreit es, wenn es seine
Grenzen nicht spürt. Sinne wie Wärmesinn und Gleichgewichtssinn wollen geschult
werden. Im Winter ist es kalt, im Sommer warm. Kleiden wir also Kinder entsprechend.
Klimaanlagen sind nicht notwendig, denn der Körper tut sich leichter, wenn er den
Rhythmus der Jahreszeit mitvollziehen kann. Kinder, die nicht klettern, die nicht lernen,
von Mauern und Vorsprüngen zu hopsen, haben keine Vorstellung von Höhe, von Raum,
von Gleichgewicht. Wie sollen sie Vertrauen in eigene Fähigkeiten entwickeln, wenn ihre
Mutter ruft: „Nein, da darfst du nicht raufklettern, du kannst runterfallen!“ Wenn es nicht
wirklich auf einem Hochhausdach steht, überleben die meisten Kinder einen Sprung aus
40 Zentimetern Höhe.
Mut ist eine hochgelobte Eigenschaft, im Bus lese ich täglich: Würzburg sucht Leute mit
Zivilcourage. Das muss man heute also offenbar suchen! Zivilcourage, Mut,
Einsatzbereitschaft sind die logischen Folgen einer einzigen Übung im Kindheitsalter:
Vertrauen in sich selbst ausbilden und Vertrauen dahinein, dass man eigene Fähigkeiten
besitzt und auch weiß, wo die Grenzen für einen selbst sind. Es gibt Draufgänger und
Kinder, deren Mut langsam wachsen muss. Schauen Sie immer genau hin, was für ein
Kind Sie vor sich haben. Wo fehlt es? An Ruhe? Dann nehmen Sie Sand, Wasser, Farben
und vor allem das Zaubermittel der Kinder und Rheumakranken: Bienenwachsknete.

Heilkraft der Pflanzen

Benutzen Sie die Heilkraft der Pflanzen im Calendulaheilpflanzenbad, das zweijährige
Wüteriche wieder zentriert. Freuen Sie sich über Trotzanfälle – ein Kind, das nicht trotzt,
kann Ihnen gut zehn Jahre später das Leben zur Hölle machen. Nicht vollzogene
Entwicklungsschritte sind gefährlich. Überlegen Sie, was eine so genannte
Kinderkrankheit beim Erwachsenen anrichtet. Pfeiffersches Drüsenfieber kann zu
Impotenz führen – hier finden Krankheitsabläufe am falschen Ort zur falschen Zeit statt.
Alles, was zur falschen Zeit am Kind geschieht, zeitigt Folgen, ob wir wollen oder nicht.
Schauen Sie sich die Umgebung Ihres Kindes gut an. Kann es sich dort entfalten? Hat das
Zwei- und Dreijährige Kind Wurzeln, Holzklötze und genug Papier und Farben zur
Verfügung? Wachsmalblöcke riechen gut, liegen gut in der Kinderhand und sind
chemiefrei. Vermeiden Sie Plastik. Wenn das Erdöl alle ist, hat sich hoffentlich die Frage
nach Plastikspielzeug erledigt, vielleicht haben wir dann mit einem Schlag weniger
Vandalen. Vandalismus entsteht überall da, wo Menschen die Dinge, mit denen sie
umgehen, nicht achten. Ein Kind, das am Abend seine Spielsachen zu Bett bringt, lernt
automatisch, dass Ordnung herrscht und es gut ist, wenn am Abend alles wieder an
seinem Platz liegt und ausruhen darf.

Allergene

Hören Sie auf das, was Ihnen der Körper Ihres Kindes sagt. Reagiert es allergisch? Prüfen
Sie seine Umgebung genau. Wie ist Ihr eigener Umgang mit Allergenen? Bekommen Sie
schon einen Anfall, wenn irgendwo ein Fussel liegt, weil Sie Hausstauballergiker sind?
Oder haben Sie Glück und keine Probleme? Dann spricht nichts gegen Haustiere, denn
Tiere sind wunderbare Erzieher.

Kindgerechte Kleidung

Achten Sie auf die Kleidung Ihres Kindes. Ist alles kindgerecht oder wollen Sie dem
Mainstream folgen und eine Schaufensterpuppe in den Kindergarten chauffieren? Wie
wäre es zu Fuß und unterwegs spielen Sie das beliebte Spiel: Wie viele grüne Sachen
werden wir heute finden? Wie viele Tiere sehen wir wohl am Dienstag? Zählen wir am
Mittwoch mehr als elf rote Autos? So lernt das Kind automatisch etwas, woran unsere
Gesellschaft am meisten krankt: Wahrnehmung. Wer mit der eigenen Nabelschau
beschäftigt ist, bekommt kein Gefühl für den anderen. Da muss dann im Bus der Aushang
mit der Forderung nach Zivilcourage her. Wenn wir im Kind die Fähigkeit anlegen,
hinzuschauen, etwas wahrzunehmen, haben wir das Beste getan, was wir tun können. Wir
erziehen einen wachen Menschen, der hinschaut und notfalls auch handeln kann, wenn
ihm seine Erzieher dieses Verhalten auch vorleben.
Verzichten Sie niemals im ersten Jahrsiebt auf den Rhythmus als Wunderwaffe.
Frühstücken Sie gemeinsam, essen Sie gemeinsam zu Abend. Unterscheiden Sie die
Wochentage! Ein Sonntag besitzt eine ganz andere Qualität als ein Freitag. Spürt Ihr Kind
einen Unterschied? Spüren SIE ihn?
Kleine Kinder wollen das tun, was die Eltern tun. Lassen Sie sie helfen, auch wenn es in
den ersten 15 Lebensjahren bedeutet, dass Sie mit dem Aufräumen kaum hinterher
kommen. Kleine Kinder werden gebraucht – zum Wäscheklammern anreichen. Zum Müll
mit hinuntertragen. Zum liebevollen Eincremen von Mamas Schuhen und leider oft auch
mehr.

Kreativität

Begeben Sie sich auf die Ebene Ihres Kindes. Wissen Sie eigentlich, wie viele Meter
Klopapier auf einer Rolle sind? Nein? Das ist traurig. Wissen Sie, wie oft Sie zwischen
Wohnzimmer und Bad die Rolle hin- und herlegen können, ehe sie alle ist? DAS sind
wesentliche Fragen des Lebens. Bedenken Sie – alle Kreativität ist ein Wunder. Nur im
Kreativen, im Schöpferischen, im Entdecken steckt Zukunft, steckt Entwicklung, steckt
das, was den Menschen vom Tier und von der Maschine unterscheidet!!!
Lernen Sie das Scheitern schätzen. Ihr Kind macht es Ihnen vor, wie es geht. Und Sie
wollen schon nach vier Bewerbungen aufgeben? Erinnern Sie sich beim Beobachten an
diese Fähigkeiten, die auch in Ihnen vorhanden sind. Bedenken Sie den Satz: Das Kind ist
nicht nur bei der Mutter geborgen, sondern auch die Mutter beim Kind. Wir sind Eltern,
weil wir gegenseitig lernen möchten. Wer mit Kinderaugen schaut, schaut das Ideal der
Welt. Nicht die Zerstörung, nicht den Alptraum, nicht den Klimaschock, nicht die Kriege.
Er schaut mit den Augen der Liebe, der Neugier und der Entdeckerkraft. SO lernt man
neue Wege gehen und findet Kontinente.
Ziehen Sie nicht am Gras. Es wächst von allein, wenn die Bedingungen stimmen. Das
Tempo der Entwicklung bestimmt Ihr Kind selbst. Orientieren Sie sich grob an der Norm
und sprechen Sie notfalls rechtzeitig mit Ihrem Kinderarzt, aber geben Sie Ihrem Kind
grundsätzlich immer mehr Zeit als die wohlmeinende Umwelt. Es ist nicht notwendig,
dass ein Kind mit drei vier Sprachen gelernt hat und sauber ist. Es ist nicht notwendig,
dass ein Kind weiß, wie man zappt. Es ist überflüssig, dass ein Kind gelernt hat, dass man
Essen in einem Gerät kocht und dass es dann schon fertig auf einem Teller ist, den man
nach Gebrauch in den gelben Sack entsorgt. Es ist nicht notwendig, dass Ihr Kind
aufgestylt ist wie Paris Hilton oder Kleidung trägt, in der es sich nicht bewegen und die
Welt entdecken kann. Es ist nicht notwendig, dass Sie Ihr Kind zuverlässig vor dem
Wetter schützen. Rotzglocken, das wird Ihnen jeder Arzt gern bestätigen, sind das
besondere Kennzeichen von Kindern, deren Immunsystem ordentlich trainiert. Danken
Sie für diese nicht wirklich hübsche Erscheinung, denn Ihr Kind wird später seltener
krank sein. Seien Sie in der Umgebung Ihres Kindes immer wahr und reflektieren Sie stets
Ihr eigenes Tun.

Jahreszeiten

Beginnen Sie den Tag mit Freude, beachten Sie die besonderen Qualitäten der einzelnen
Wochentage, lernen Sie die Jahreszeiten wertschätzen. Im Frühling die ersten
Schneeglöckchen zu begrüßen ist so beglückend, wie den unglaublich roten Mohn
leuchten zu sehen oder zu bestaunen, wie die Natur die Farben im Herbst auf die Blätter
zaubert. Wer niemals einen Engel in den Schnee gelegt hat, hat keinen Winter erlebt.
Jeder Tag, jede Woche, jeder Monat hat seine je eigenen Qualitäten. Kinder sind Zauberer,
denn sie ermöglichen uns, diese Wunder abermals zu sehen. Kein Erwachsener wird Sie
am Arm im Schlafanzug aus dem Haus zerren und kreischen: „Guck mal, was da ist!“
Und wenn Sie Ihre schlafverklebten Augen mühsam zu Schlitzen öffnen, werden Sie
staunen. Entweder ist ein fetter Vollmond da oder eine Spinne hat ein tolles Netz in der
Nacht erschaffen. Was immer es ist – es ist bestaunenswert und Kinder sind die Meister
der Wertschätzung. Freuen Sie sich darüber. Die Welt wird wunderbar, wenn wir sie mit
Kinderaugen anschauen. Und nur dann können wir sie lieben und achten.
Beenden Sie den Tag mit einem Dank. Sie leben! Sie haben viel erlebt, auch wenn Sie
vielleicht viele Stunden am Tag nicht mit Ihrem Kind zusammen waren. Tauschen Sie sich
aus, egal, wie müde Sie sind. Die Kinderjahre sind rasend schnell vorbei und dann?
Wollen Sie es im Alltag, der ja ach so wichtig ist, untergehen lassen, dass eine Schnecke
über den Gehweg exakt 57 Minuten braucht? Hätten Sie ohne Kind jemals erfahren, dass
bei den Seepferdchen Männer die Kinder kriegen? Wären Ihnen Farben und
ungewöhnliche Steine aufgefallen? Im Leben nicht. Bedenken Sie am Abend: Der
Abschluss sollte ruhig sein. In der Nacht reisen wir Menschen weit in den Kosmos hinaus
mit unserem Bewusstsein. Der Start in diese Reise sollte gut sein. Lassen wir am Abend
Ballast los. Beenden wir die Tage mit Ruhe, mit Dank und dem Bewusstsein, egal, wie
schlimm es heute war – morgen sind die Karten neu gemischt. Lernen wir von den
Kindern, die nach drei Minuten ihre Tränen vergessen haben. Als Erwachsene brauchen
wir für diese Geisteshaltung harte Schulungsjahre.
Ernähren Sie Ihr Kind gut. Damit meine ich die Nahrung für den Körper, aber auch die für
Seele und Geist. Ein Kind, das niemals die Märchen kennen lernt, verarmt. Ihm fehlen die
Archtetypen, die es später braucht. Kinder haben ein treffsicheres Gespür für gut und
böse. Die Märchen sind eine gute Richtschnur für die Ausbildung des Selbstvertrauens.
Singen Sie viel. Ob Sie meinen, dass Sie gut singen können oder nicht, ist vollkommen
egal. Gehen Sie in Kirchen, egal, welchem Glauben Sie angehören, besuchen Sie Konzerte
und Museen. Ohne Kultur haben wir Materialisten am Hals. Ein Materialist wird Ihnen im
Alter niemals eine Teller Suppe füttern, wie Sie es Jahre mit ihm getan haben. Er wird
dafür sorgen, dass der Hilfsdienst kommt. Ohne Kultur sind wir Menschen wie
Maschinen, kein Unterschied zum Tier.

Lachen

Lachen Sie jeden Tag ausreichend. Wer nicht mehrmals am Tag aus vollem Herzen lachen
kann, ist eine Gefühlsrosine. Humor ist eine Grundvoraussetzung in der
Kindererziehung. Am meisten werden Sie über sich selbst zu lachen haben, denn Kinder
sind Meister im Enttarnen und Deklassieren, wahre Genies im Aufspüren elterlicher
Ausflüchte und Unfähigkeiten. Sie brauchen massenhaft Humor, wenn ein Dreijähriger
die Arme in die Hüften stemmt und in Ihrem Tonfall kreischt: „Wie oft soll ich dir noch
sagen, dass dein Zimmer ein Saustall ist? Räum sofort auf, oder du kriegst keinen
Nachtisch!“ Kinder sind geborene Komiker und extreme Beobachter. Das muss man als
Eltern verkraften lernen.
Im ersten Jahrsiebt vollzieht sich am und im Kind ein Wunder. Ein hilfloser Säugling
kommt zu uns. Über das Köpfchenheben und Herumrollen kommt das Baby zum
Kriechen, schafft die Aufrichte, schafft Schritte, lernt laufen und dann bildet es die Sprache
aus. Und zu all diesen Wundern geschieht ein Weiteres – es wächst und wächst. Ein halber
Meter Kind wird groß in den ersten Lebensjahren. Das Kind erobert erst sein Bett, den
Laufstall, die elterliche Wohnung, dann den Kindergarten und den Raum vor dem Haus,
es lernt, dass man am Straßenrand stehen bleiben muss, dass eine rote Ampel Sinn macht
und dass Mauern nur bis zu einer bestimmten Höhe erklettert werden können. Tausende
von Malen fällt das Kind hin. Eine bessere Schulung in Frustrationstoleranz gibt es nicht.
Eltern, die hier eingreifen und das Kind schützen wollen, begehen ein Verbrechen am
Kind. Edison hätte niemals die Glühbirne erfunden, wenn er nicht als Kind Millionen Mal
hingefallen wäre. Angeblich hat er fast tausend Versuche benötigt, ehe der erste Draht ein
Licht ergab. Hätte er nicht gelernt, dass man nach dem Hinfallen wieder aufsteht, säßen
wir vielleicht immer noch bei Petroleumlampen da.
Zusammenfassend noch einmal die wesentlichsten Punkte:
Im Umgang mit Kindern ist es wesentlich, dass das, was wir denken und tun, gut und
wahr ist.
Das Kind lernt durch Nachahmung. Im elterlichen Ermessen liegt also, was das Kind an
Lernfeldern hat.
Kinder sind Sinneswesen. Wenn sie zu kreativen, verantwortungsbewussten und klugen
Menschen heranwachsen sollen, müssen wir ihre Sinne schulen, schulen und nochmals
schulen. Das gelingt, indem wir sie klettern, spielen, entdecken lassen.
Lasst die Nahrung der Kinder und ihre Spielgeräte und Kleider so natürlich wie möglich.
Kinder brauchen Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit. Ein Fernsehgerät brauchen Kinder so
wenig wie Erwachsene.
Kinder brauchen die vier Elemente in der Erziehung. Bringen wir Ihnen den Umgang mit
Erde, Feuer, Wasser und Luft bei.
Die Welt ist nur geliehen. Vermitteln wir die Leihbedingungen.
Musik ist ein Zauberstab. Lassen wir die Kinder Musik machen. Der Körper ist ein ganzes
Orchester und wenn wir Töpfe dazu nehmen, wird noch mehr draus.
Märchen, Fingerspiele und Reime sind wichtig.
Rituale sorgen für Struktur im Leben.
Lernen Sie, das Scheitern zu lieben. Kinder sind die Meister darin.
Unsere Gedanken bestimmen unser Bewusstsein, unsere Sprache, unser Handeln und das,
was wir selbst in die Welt stellen.
Zum Schluss möchte ich Ihnen einen Satz von Rudolf Steiner mitgeben, der hilfreich sein
kann: Er zeigt auf, auf was es ankommt und bezieht eine Komponente mit ein, über die ich
heute nicht gesprochen habe: Das Kind lernt nicht nur an dem, was wir ihm bieten. Jedes
Kind bringt vom Schicksal auch seine ganz ureigene Aufgabe mit.
„Jede Erziehung ist Selbsterziehung, und wir sind eigentlich als Lehrer und Erzieher nur
die Umgebung des sich selbst erziehenden Kindes.
Wir müssen die günstigste Umgebung abgeben, damit an uns das Kind sich so erzieht, wie
es sich durch sein inneres Schicksal erziehen muss.“
Bleiben Sie neugierig auf die Wunder in Ihrem Leben. Schön, dass Sie Eltern sind!
Christine Krokauer