Ein T-Shirt erzählt seine Geschichte

Darf ich mich vorstellen?

 

Ich bin ein T-Shirt. Und ich habe allen Grund, auf mich stolz zu sein, schließlich bin ich modisch giftgrün, hergestellt aus 100 Prozent Baumwolle und koste nur 5,09 EUR. Tja, da staunen Sie!

Wenn man überlegt, in welchen Ländern ich schon war und was ich alles hinter mich gebracht habe, kann man es kaum glauben. Aber alles, was ich Ihnen über meine Herkunft verrate, ist die volle Wahrheit. Gewachsen und gereift bin ich in Kasachstan auf einer der endlosen Baumwoll-Plantagen. Mein Leben dort war nicht leicht. Regelmäßig kamen nämlich die Flugzeuge, die uns aus ihren Tragflächentanks mit Unkrautvernichtungsmittel besprühen. Manchmal hatten wir Glück, denn wenn ein leichter Wind wehte, drifteten die Chemiebomben ab, und ein Teil ging auf die Siedlung der Pflücker und im nächsten Dorf nieder.

Wie hatte ich gehofft, von sanften Händen geerntet zu werden! Aber stattdessen traf mich schon wieder der chemische Schlag, ein hochgiftiges Entlaubungsmittel. Danach wälzte sich die Pflückmaschine über mich hinweg. Aber ich hatte noch Glück im Unglück: Manche meiner Schwestern und Brüder sind von Menschenhand genetisch bereits so programmiert, dass sie freiwillig ihre Blätter fallen lassen müssen.

Frisch geerntet, flog ich mal eben in die Türkei, wo ich zu Garn gesponnen wurde, weil es dort preiswerter ist. Dann ging´s per Schiff nach Taiwan, wo ich in einer düsteren Weberei wieder zu mir kam. Überall Faserflug, Lärm, Chemie. Die Menschen um mich herum konnten einem leid tun: Sie litten alle unter dem berüchtigten Weberhusten, ausgelöst durch eingeatmete Baumwollfasern. Von Arbeitsschutzmaßnahmen hatten deren Arbeitgeber wohl noch nichts gehört.

Fremdwort Umweltschutz:

Mir hingegen wollte man etwas Gutes tun: Ein Schlichte-Bad aus biologisch nicht abbaubarem Polyacrylat sollte mir helfen, die starke Belastung auf den mechanischen Webstühlen auszuhalten. Als ich dann endlich ein richtiger Stoff war, wurde ich gründlich gewaschen. Die Giftstoffe versanken unkontrolliert im Boden. Umweltschutz ist hier ein Fremdwort. Ja, ja, es ist kein Zufall, dass so viele Hersteller in Taiwan und Ländern der sogenannten Dritten Welt produzieren lassen. Mensch und Natur mussten leiden, damit ich immer attraktiver werden konnte.

Und schon wieder ging es auf Tour. Jetzt wurde ich nach Frankreich geschifft. Tausende Tonnen Stoffe waren an Bord. Wir alle wurden wegen des langen Transportweges mit verbotenen Pilz- und Insektenvernichtungsmitteln behandelt und stanken um die Wette. Mir wird ganz schwindelig, wenn ich mir vorstelle, wieviel Schiffe und Flugzeuge täglich weltweit mit Textilien unterwegs sind und wie die Umwelt durch diese Transporte belastet wird.

In Frankreich angekommen, wurde ich mit schwermetallhaltigen und als krebserregend geltenden Farbstoffen bedruckt, aus Polen und China herantransportiert. Wer weiß schon, dass, um ein Kilo Baumwolle zu färben, Hunderte Liter Wasser zu fast unklärbarem Abwasser werden? Mir wurde langsam klar, warum die Textilindustrie der zweitgrößte Umweltverschmutzer der Welt ist.

Von Frankreich aus schickte man mich weiter nach Bangladesch. Als ich ausgerollt wurde, fiel mein Blick auf schwach beleuchtete Nähmaschinen und zarte Mädchenhände. Rund 50 000 Kinder sollen hier alleine in der Textilindustrie ihr Dasein fristen. Das muss ja ein gesundheitlicher Schock sein, schon als junger Mensch täglich mit so viel giftigem Stoff in Berührung zu kommen. In der ausländischen Textilindustrie arbeiten meist junge Frauen und Kinder, und das unter haarsträubenden Bedingungen. Die Beschäftigten arbeiten oft mehr als zehn Stunden an sieben Wochentagen und können doch von dem geringen Lohn nicht leben. Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung. Da die Kinder hier für einen Niedriglohn und ohne jegliche Arbeitsschutzmaßnahmen arbeiten müssen, kommt kein Hersteller auf die Idee, die Näharbeiten zum Beispiel in Deutschland oder der Schweiz ausführen zu lassen. 60 Prozent aller Bekleidungsstücke stammen aus Billiglohnländern. Inzwischen war ich ein richtiges T-Shirt geworden. Sportlich-elegant, weitgereist und gebildet. Stolz trat ich meinen Flug nach Deutschland an. Hoppla, ihr Kunden, jetzt komm ich. Da wird Euch aber die Spucke wegbleiben. Getreu dem Motto „Wer schön sein will, muss leiden“, hatte ich alle Qualen, Reisestrapazen und chemische Prozeduren mit Engelsgeduld ertragen. Jetzt träumte ich nur noch davon, in einer hübschen Designer-Boutique auf dem Bügel zu hängen und recht bald von einer modebewussten Lady zielstrebig ausgesucht und gekauft zu werden.

Irrtum, meine Lieben. Jetzt schlugen auch noch die Deutschen mit chemischen Keulen um sich, die sie „Textilveredler“ nennen. Bevor ich kurzzeitig das Bewusstsein verlor, hörte ich nur noch, dass das benutzte Formaldehyd das Einlaufen und Knittern der Stoffe verhindern soll. Hilfe … es reicht… ich kann nicht mehr! Die textile Kette von Kasachstan, über die Türkei, Taiwan, Frankreich, Bangladesch bis hin nach Deutschland macht mich noch wahnsinnig. Wenn die Verbraucher das alles wüssten…

Als ich wieder zu mir komme, grabschen schweißige Hände an mir herum. Fassungslos blicke ich um mich: ich liege eingequetscht auf einem dichtumlagerten Wühltisch in einer riesigen Kaufhalle. „Echte Baumwolle, hundert Prozent. Rein biologisch“, schwärmt die Verkäuferin einer Kundin vor. Ha, alles Lug und Trug. Was heißt denn schon „öko“ oder “bio“ oder „100 % Baumwolle“!

Gütesiegel

Ein verlässliches Gütesiegel , das nachhaltige Umweltverträglichkeit in allen Herstellungsprozessen garantiert und gleichzeitig soziale Kriterien für die Arbeitnehmer im In- und Ausland berücksichtigt, ist wohl deshalb so unbekannt, weil es ein T-Shirt auch anders anbieten kann. Das Label „better“ und „best“ des Internationalen Verbandes für Naturtextilien wird von der Presse praktisch nicht zur Kenntnis genommen. Warum wohl…

zehn Prozent Chemie

Ich habe beispielsweise trotzdem zehn Prozent Chemie in mir, so dass ich mühelos jeden Vierten von Euch in die Flucht schlage. Die Menschen mit Allergien oder Neurodermitis wissen nur viel zu selten, dass auch Kleidung zu ihrem Leiden beiträgt.

Alle meine Giftstoffe, die nicht ausgewaschen wurden, ausgedünstet oder unter die Haut gegangen sind, landen später auf der Deponie oder in der Müllverbrennung und belasten dann noch immer Boden oder Luft. Allein jeder Deutsche verschleißt pro Jahr elf Kilogramm Kleider, mit Bett- und Haustextilien sind es sogar 26 Kilogramm. Ex und hopp und auf den Müll damit. Von wegen ökologischer Kreislauf.

Während ich noch so vor mich hin fluche, hat mich ein junges Mädchen fest in den Griff genommen. „Hey, super, das ist die richtige Größe. Die Farbe ich ja echt geil“, meint sie glücklich zu ihrer Freundin. „Dann kann ich mein pinkfarbenes T-Shirt endlich wegschmeißen. Die Farbe haut ja heute keinen mehr vom Hocker.“

Mir dämmert es langsam. Aus dem Traum von einem langen Leben bei einer modebewussten Dame wird nichts werden. Vor meinem endgültigen Aus auf einer Mülldeponie darf ich wohl nur einem – von Modediktat gesteuerten – Teenager einige Monate Gesellschaft leisten. Dann wird schon die neue Herbstkollektion über mich hinwegrollen.

Ha, aber meine Rache wird fürchterlich sein.
Ich werde Sie alle angiften.
Für 5,09 EUR